Nähmaschinen " Made in Pleißa "
Hessin will Textilgeschichte ihrer Familie aufarbeiten
Gisella Rothe ist die Enkelin des Nähmaschi­nen-Fabrikanten Paul Erwin Rothe. Der stellte in Pleißa die „Pleißaer Superior" her.
Pleißa
- Drei Nähmaschinen-Köpfe aus der Fabrik ihres Großvaters Paul Erwin Rothe besitzt Gisella Rothe schon. Die Ge­räte namens „Pleißaer Superior" stehen bei der 62-Jährigen zu Hause in Mühltal-Traisa, einer Gemeinde in der Nähe von Darmstadt. „Es hat mich sehr viel Ausdauer gekostet, an die Maschinen heranzukommen. Eine war beispielsweise früher in einer Hutfabrik in Leipzig im Ein­satz", erzählt sie.
Neben den Maschinen hat Gisella Rothe ein altes Firmenpla­kat, eine Jubiläumsurkunde der damaligen Angestellten zum zehn­jährigen Bestehen, ein Stechkarten­fach sowie ein Foto des Opas mit ihr als kleines Mädchen vor der Fabrik an der Klausstraße 11 gesammelt. Zudem besitzt sie Kopien aus dem Staatsarchiv zur Gründung des Un­ternehmens vor 95 Jahren.
Das ist nur der Anfang: Die Hessin will weitere Erinnerungsstü­cke zusammentragen. Ihr Ziel ist eine Familienchronik zu schreiben, in der die Pleißaer Nähmaschinen­fabrik im Mittelpunkt steht.
Mittlerweile hat sie auch mit Zeitzeugen gesprochen, die ihr über Paul Erwin Rothe berichteten. Mit anderen Limbachern hat sich die Hessin über die Zeit des VEB Spezialnähmaschine Pleißa ausgetauscht, einem 1974 gegründeten Nachfolge­betrieb, in dem die Pleißaer Maschi­nenfabrik neben drei anderen Be­trieben aufgegangen ist.
Zwangsverkauf zu DDR-Zeiten
Die 1951 in Chemnitz geborene Gisella Rothe kann sich nur noch wenig an ihren Großvater erinnern. „Wir sind bis 1960 fast jedes Wo­chenende nach Pleißa gefahren", erinnert sie sich. Ihre Großeltern lebten damals im Haus direkt vor der Fabrik. Allerdings habe sich vor allem die Oma um sie gekümmert, ihr Großvater habe dagegen nur we­nig Zeit gehabt. „Ich habe ihn als strengen und zielgerichteten Mann in Erinnerung. Er hat seine Interes­sen gnadenlos verfolgt und hätte bis zu seinem letzten Atemzug in der Fabrik gearbeitet." Allerdings sei er 1972 gezwungen worden, sie zu verkaufen. „Der Zwangsverkauf war ein Stich in sein Herz."
Gisella Rothe fehlen noch viele Puzzleteile, um die Unternehmensgeschichte komplett aufzuarbeiten. Bisher hat sie beispielsweise noch keine Liste mit Kunden und Zulieferern der Firma. „Es wurde mir ge­sagt, dass ursprünglich sowohl nach Amerika als auch nach China gelie­fert wurde. Nach dem Krieg brachen dann aber die Aufträge aus Übersee ein", sagt sie. Wenn sie in Rente geht, will die 62-Jährige ihre Forschung intensivieren und längere Zeit in Limbach-Oberfrohna verbringen.
Erste Kontakte mit den Mitarbei­tern des Esche-Museums hat die Hessin bereits aufgenommen. Allerdings ist auch dort die Aktenlage über die Pleißaer Maschinenfabrik eher dürftig.
Beitritt in Verein
In den 1990er-Jahren haben ABM-Kräfte Einwohner zu den Textilunternehmen der Stadt befragt. Der Förderverein hat ihr die Gesprächs­notizen der Umfragen zugeschickt. Laut Vereinsmitglied Frank Winter gab es Anfang des 20. Jahrhunderts im Raum Limbach wahrscheinlich zwölf Nähmaschinen-Fabriken. In Pleißa waren es demnach zwei. ( Rothe & Thomä sowie Ernst Schubert )
Anfragen von Privatpersonen treffen häufig im Museum ein, wie Irmgard Eberth, Fördervereinschefin, sagt. Aber die Recherchen von Gisella Rothe seien etwas besonde­res. „Nicht jeder will gleich eine Chronik verfassen." Deshalb freue sie sich, dass die Hessin jetzt Mitglied im Förderverein geworden ist.
Kontakt :
gisella.rothe@yahoo.de
VON CHRISTIAN MATHEA - FP vom 19.02.2014
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Fr. G. Rothe
Maschinenfabrik 2010
Maschinenfabrik 2014
Schubert-Nähmaschinen
Hessin erforscht Geschichte von Pleißaer Nähmaschinenfabrik
Das Unternehmen wurde vor 100 Jahren gegründet. Seine Entwicklung hat nun die Enkelin eines einstigen Gesellschafters nachge­zeichnet - und sich in der Folge ein ganz besonderes Tattoo stechen lassen. VON JOHANNES PÖHLANDT
PLEIßA
- Ja, ein bisschen verrückt sei sie, gibt Gisella Rothe zu. Denn wer lässt sich schon ein Tattoo mit dem Logo einer Firma stechen - noch da­zu von einer relativ unbekannten, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gibt? Aber die 67-jährige Hessin, die in der Nähe von Darmstadt zu Hause ist, hat genau das getan. Ihr Bein ziert nun das Emblem der Pleißaer Maschinenfabrik. Denn der Betrieb, gegründet genau vor 100 Jahren
am 5. November 1919, spielt in Gisella Rothes Leben eine wichtige Rolle.
Sie ist die Enkelin von Erwin Rot­he (1886-1977), der 1920 in einem Darlehensvertrag erstmals als einer der Gesellschafter der Maschinenfa­brik genannt wird. Der Pleißaer war bis zum Zwangsverkauf des Unternehmens 1972 - es firmierte fortan als VEB - in leitender Funktion tätig. „Die Passion meines Opas war die Firma. Für ihn kam deshalb nicht infrage, in den Westen zu gehen, was andere Familienmitglieder gerne wollten", erzählt die Enkelin. Ihr im­poniere, wie Erwin Rothe die Ma­schinenfabrik durch alle Höhen und Tiefen geführt habe.
Knapp zehn Jahre lang hat Gisel­la Rothe Unterlagen und Gegenstän­de zur Firma zusammengetragen: Nähmaschinen, Werbeschilder, Ver­träge und vieles mehr. Zu diesem Zweck nahm sie Kontakt unter an­derem zum Staatsarchiv in Chemnitz, dem Stadtarchiv in Limbach-Oberfrohna und dem Esche-Muse­um auf. Nachdem sich die Recher­chen zunächst kompliziert gestalte­ten, brachte ein Artikel in der „Frei­en Presse" im Februar 2014 Bewe­gung in die Sache. So konnte sich Gi­sella Rothe unter anderem mit Zeit­zeugen austauschen. Ihre Erkennt­nisse hat sie dem Förderverein des Esche-Museums zur Verfügung gestellt. Dieser hat daraus eine sieben­seitige Chronik verfasst, die im In­ternet sowie an den Medienstatio­nen im Museum eingesehen werden kann.
Dort lässt sich unter anderem nachlesen, dass die Firma Ende der 1930er-Jahre 20 Mitarbeiter beschäf­tigte. Nähmaschinen mit Bezeich­nungen wie Superior, Meteor und Overlock wurden nicht nur in euro­päische Länder, sondern auch nach Indien und Australien exportiert. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Be­trieb zur Rüstungsproduktion ge­zwungen. 1959 war die Anzahl der Mitarbeiter auf 45 gewachsen. Der Sitz des Unternehmens befand sich in Pleißa an der Klausstraße 11. Im einstigen Produktionsgebäude be­findet sich heute die Werkstatt einer Firma, auch das angrenzende Wohn­haus ist erhalten geblieben.
Gisella Rothe, die 1951 in Chemnitz geboren wurde und noch vor dem Mauerbau mit ihrer Mutter in den Westen übersiedelte, kann sich an das Gelände an der Klausstraße noch gut erinnern. „In meiner Kind­heit sind wir fast an jedem Wochen­ende nach Pleißa gefahren." Dort ha­be sie sich zwar nicht die Produkti­onsräume, aber das Büro ihres Groß­vaters anschauen dürfen.
Die Hessin, die nicht in der Textilbranche, sondern bis zu ihrem Ruhe­stand als Sekretärin in einer Einrich­tung der Diakonie tätig war, ist froh, das Forschungsprojekt nun abge­schlossen zu haben. Auch mit Blick auf ihre Familie habe sie viel gelernt: Ihr Großvater erscheine ihr inzwi­schen als willensstarker und prag­matischer Firmenlenker. „Ich schät­ze ihn nun mehr als früher." Stolz macht die Enkelin darauf aufmerk­sam, dass einige Nähmaschinen, aus Pleißaer Fertigung von März bis Juni in der Sonderausstellung „Ausge­wählt. Besondere Museumsobjekte" im Esche-Museum zu sehen waren; inzwischen befinden sie sich wieder im Depot der Einrichtung...
Gisella Rothe besitzt selbst sieben Nähmaschinen aus der Fabrik ihres Vaters, einige davon stehen in ihrem Wohnzimmer. Zurzeit überlegt sie, wo diese später einmal für die Nach­welt aufbewahrt werden können. Was ihre umfangreichen Dokumen­te zur Firmengeschichte betrifft, ist bereits eine Lösung gefunden: Diese sollen im Chemnitzer Staatsarchiv eingelagert werden.
mit mathe / Quelle: „Freie Presse" vom 05.11.2019
Erwin Rothe
Gisella Rothe
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